Singend kommt der dreijährige Johann die Treppe herunter. Sein Vater steht in der Küche und bereitet das Mittagessen vor.
"Na Johann, was möchtest du?"
"Auto spielen."
"Dahinten ist dein Auto." Der Vater zeigt auf den kleinen silbernen Flitzer, den man durch Hin- und Herrollen aufziehen kann und der dann wirklich verdammt schnell durchs Zimmer saust.
"Nein", schüttelt Johann seinen Kopf und guckt seinen Vater mit großen Augen an. "Auf iPod".
Nach seinem Geburtstagswunsch gefragt, antwortet er übrigens auch iPod - da steht er seinem großen Bruder Felix in nichts nach. Allerdings wird dieser bereits zwölf, womit so ein Ding zumindest in greifbare Nähre rückt. Wenn man aber von Johann wissen möchte, was er denn mit einem iPod will, dann bekommt man - neben Autospielen - ebenso häufig "So in die Tasche stecken" zur Antwort. Dabei demonstriert er umständlich, wie er ihn in seiner Latzhose verstauen will.
Ganz unschuldig sind wir an diesem Wunsch nicht. Schließlich sind wir nicht eingeschritten, als Paul im Sommerurlaub immer wieder seinen Bruder ruhigstellte, indem er ihm das mobile Endgerät zur Verfügung stellte. Wir haben uns längst damit abgefunden, dass die Kinder mit Handys, Computern und eben iPods hantieren, wie wir das im selben Alter noch mit Schere, Buntpapier und Kleber taten. Die Zeiten ändern sich eben; vor 20 Jahren hätte ich auch nie gedacht, dass ich eines Tages nicht mehr ohne Computer im Leben auskommen würde. Und mich ohne Handy im Alltag von der Umwelt abgeschnitten fühle.
Aber im zarten Alter von drei Jahren sind in unserer Familie sämtliche elektronischen Geräte noch auf Jahre hinaus tabu. Also bleibt dieser Wunsch weiterhin unerfüllt. Und so muss weiterhin der Tacho von Paul als Ersatz herhalten. Zwar ändert sich leider das Bild nicht, egal wie sehr man darauf rumwischt. Aber zum In-die-Tasche-stecken reicht er allemal.
Freitag, 15. Februar 2013
Montag, 28. Januar 2013
Kurze Pause
Liebe Freunde, Leserinnen und Leser (habe ich jetzt alle bedacht?),
die Patchworkheldin ist auch nur ein Mensch - und muss zurzeit krankheitsbedingt pausieren. Nächste Woche geht es an dieser Stelle weiter. Mit Neuigkeiten aus unserem Leben. Oder einer Rezession zur neuen Sat.1-Serie "Patchworkfamilie", um die ich gebeten wurde. Bis dahin eine schöne Woche.
die Patchworkheldin ist auch nur ein Mensch - und muss zurzeit krankheitsbedingt pausieren. Nächste Woche geht es an dieser Stelle weiter. Mit Neuigkeiten aus unserem Leben. Oder einer Rezession zur neuen Sat.1-Serie "Patchworkfamilie", um die ich gebeten wurde. Bis dahin eine schöne Woche.
Dienstag, 15. Januar 2013
Einsame Schuhe und verlorene Jacken
Da steht er, einsam unterm Bett: ein einzelner rechter Turnschuh. Lediglich ein paar Staubflusen leisten ihm Gesellschaft.
Auch Stunden später starre ich - noch immer fassungslos - auf den beinahe nagelneuen Turnschuh meines Sohnes. Inzwischen haben wir das gesamte Zimmer des Pubertanten umgeräumt. Dabei kam so manch ein lang vermisster Gegenstand ans Tageslicht - unter anderem Elternbriefe aus dem November. Und Äpfel, die vielleicht vor drei Monaten als frisch galten, heute aber eher wie Kompost aussahen - und ebenso rochen. Nur der linke Turnschuh bleibt verschollen.
Ich stehe vor einem Rätsel. Wie kann man nur einen einzelnen Turnschuh verlieren? In unserer Familie wurde schon viel vergessen und liegengelassen: Mützen, Schals und Handschuhe, Schlüssel, Fahrkarten, Regenschirme, Kuchenformen. Das Übliche halt, kennt wahrscheinlich jede Familie. Auch eine Jacke war bereits darunter. Aber ein einzelner (!) Schuh war bisher noch nie dabei. Das muss man doch merken! Spätestens beim nächsten Sportunterricht sollte es auffallen. Meinem Sohn scheinbar nicht.
Und ich habe mich beim Klamottenflohmarkt an unserer Schule immer gefragt, wie man all diese Dinge verlieren kann, ohne es zu mitzubekommen. Diese Frage stelle ich mir nun nicht mehr.
P.S. Nach gefühlten 20-maligen Nachfragen fühle mein Sohn sich bemüßigt, mal in der Turnhalle nachzusehen. Der zweite Schuh war noch da. Nun steht wieder ein Paar Turnschuhe unterm Bett. Vorerst.
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Von muffigen Socken und Wollratten
Wertvolle Erziehungsarbeit
Auch Stunden später starre ich - noch immer fassungslos - auf den beinahe nagelneuen Turnschuh meines Sohnes. Inzwischen haben wir das gesamte Zimmer des Pubertanten umgeräumt. Dabei kam so manch ein lang vermisster Gegenstand ans Tageslicht - unter anderem Elternbriefe aus dem November. Und Äpfel, die vielleicht vor drei Monaten als frisch galten, heute aber eher wie Kompost aussahen - und ebenso rochen. Nur der linke Turnschuh bleibt verschollen.
Ich stehe vor einem Rätsel. Wie kann man nur einen einzelnen Turnschuh verlieren? In unserer Familie wurde schon viel vergessen und liegengelassen: Mützen, Schals und Handschuhe, Schlüssel, Fahrkarten, Regenschirme, Kuchenformen. Das Übliche halt, kennt wahrscheinlich jede Familie. Auch eine Jacke war bereits darunter. Aber ein einzelner (!) Schuh war bisher noch nie dabei. Das muss man doch merken! Spätestens beim nächsten Sportunterricht sollte es auffallen. Meinem Sohn scheinbar nicht.
Und ich habe mich beim Klamottenflohmarkt an unserer Schule immer gefragt, wie man all diese Dinge verlieren kann, ohne es zu mitzubekommen. Diese Frage stelle ich mir nun nicht mehr.
P.S. Nach gefühlten 20-maligen Nachfragen fühle mein Sohn sich bemüßigt, mal in der Turnhalle nachzusehen. Der zweite Schuh war noch da. Nun steht wieder ein Paar Turnschuhe unterm Bett. Vorerst.
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Dienstag, 8. Januar 2013
Plötzlich Großfamilie
Ich
wollte immer zwei Kinder haben. Eins fand ich zu wenig, drei eine blöde Konstellation und vier waren mir zu viel. Doch da habe ich die
Rechnung ohne das Leben gemacht. Das schickte mir zwei wunderbare
Kinder. Und nach meiner Trennung meinen heutigen Mann – gemeinsam
mit zwei weiteren Kindern.
So fand
ich mich plötzlich in einer Großfamilie wieder. Übrigens als
einziges weibliches Wesen (später holte ich mir als Verstärkung
wenigstens eine Hündin ins Haus). Beim Abendbrot hatten die Kinder
nicht mehr lediglich eine geschmierte Stulle auf dem Teller liegen.
Vielmehr verschwanden Berge von Brot, Wurst und Käse in scheinbar
immer hungrigen Mündern. In der Waschküche ist manchmal kein
Durchkommen mehr, so hoch stapeln sich die Wäscheberge. Und beim
Eismann haben wir mehr als einmal die zischelnde Bemerkung gehört,
ob wir kein anderes Hobby hätten.
Anfangs stresste mich der Umstand, am Wochenenden plötzlich zu sechst zu
sein. Aber der Mensch ist ein anpassungsfähiges Wesen. Und so genoss
ich bald die Situation. Ein paar Jahre später waren wir dann sogar
zu siebt.
Inzwischen
finde ich es toll, dass die Runde immer weiter wächst. Denn aus
Kindern werden Leuten. Und aus pubertierenden Einzelgängern Paare.
Weihnachten brachten die beiden Großen ihre Freundinnen mit. Klasse
Mädels, die hoffentlich noch oft unsere Tischrunde vergrößern
werden.
Familienfeste
werden plötzlich zur Herausforderung. Der engste Familienkreis bei
uns umfasst inzwischen 18 Leute. Kommen noch Paten und weitere
Verwandte hinzu, sind sogar 30 Menschen unterzubringen.
Nur wenn
nach Festen dann alle wieder abreisen und auch noch die Mittleren bei
ihrem Vater sind, dann wird es ruhig im Haus. Und auch ein wenig
einsam. Dann scharen wir uns zu dritt an dem einen Ende unseres
langen Tisches und blicken ein wenig traurig auf die leere Tafel. In
der Hoffnung, dass bald wieder alle zurückkommen und Leben in die
Bude bingen.
Übrigens:
Meinen Mann traf es noch härter als mich. Er wollte immer nur ein
Kind. Das Schicksal schickte ihm Zwillinge. Zum Glück!
Mittwoch, 19. Dezember 2012
Kein Jahresrückblick 2012 – oder doch?
Überall wird man zurzeit erschlagen von
Jahresrückblicken. Die geliebte Serie läuft nicht, weil Menschen 2012 gezeigt
werden. Der Spielfilm wird von den rührendsten, lustigsten, blödsten oder
peinlichsten Momente 2012 verdrängt. Und umgekippte Kreuzfahrtschiffe,
wiedergewählte Präsidenten sowie Amokläufer verfolgen einen auf
Schritt und Tritt. Wen interessieren da noch Not-OPs, Gerichtsprozesse, erste
Freundinnen und neue Jobs?
Mich
irgendwie. Weil mich diese Momente aus unserem Familienleben mehr berühren, als
das Weltgeschehen rundherum. Obwohl ich besonders auf das Kapitel Gerichtsprozesse durchaus verzichten könnte. Aber mein Exmann scheinbar nicht. Und so habe ich
meiner wunderbaren Anwältin mal wieder den nächsten Sommerurlaub finanziert.
Alles zum Wohl der Kinder. Die sehen ihren Vater jetzt noch seltener. Es sei
denn, er bequemt sich mal in die norddeutsche Provinz. Um zu sehen, wie seine
Söhne eigentlich leben. Und was für Freunde beziehungsweise Freundinnen sie haben.
Apropos
Freundin. Am Wochenende steht eine Weihnachtsplätzchenbackorgie bei uns an
(ging nicht früher, da ich bekanntlich in der einen Stadt lebe und in der
anderen arbeite). Und zu eben diesem adventlichen Backnachmittag kommt Pauls
Freundin. Ich bin gespannt. Zwar kenne ich sie seit der ersten Klasse und habe sie
auf diversen Sommerfesten, Weihnachtsbasaren, Schulausflügen sowie
Theateraufführungen erlebt. Aber eben wie man so die Schulfreunde der Kinder
erlebt. Ich weiß also, wie sie aussieht und heißt. Doch Paul ist bereits seit
fünf Wochen schwer verliebt – eine kleine Ewigkeit im zarten Alter von 14
Jahren.
Meine
sporadische Anwesenheit zuhause habe ich besagtem neuen Job zu verdanken. Der
ist zwar klasse, aber eben in einer anderen Stadt. Was dazu führt, dass ich durch
häufige Abwesenheit glänze. Und Kontakt mit meiner Familie in erster Linie
übers Telefon halte. Dieses „Doppelleben“ ist oft toll. Spannend.
Abwechslungsreich. Und manchmal nur noch anstrengend. Frustrierend. Und
einsam.
Auch die
wichtigen Momente im Leben erlebt man dann manchmal eben nur aus der Ferne.
Nach reiflicher Überlegung hatten wir uns entschlossen, im Frühjahr Johann endlich die Polypen rausnehmen zu
lassen. Denn sein Sprachvermögen war nicht nur schlecht, sondern vielmehr nicht
existent. Um die Belastung der Narkose so gering wie möglich zu halten,
warteten wir also seinen zweiten Geburtstag ab, bevor er nach zahlreichen
Voruntersuchungen operiert wurde. Alles verlief prima; die Narkose war schnell
abgebaut, nachmittags turnte er schon wieder durch den Garten. Zwei Wochen
später klagte er über Bauchschmerzen. Der Weg führte vom Kinderarzt direkt
wieder in den OP. Und zwar schnellstmöglich. Eine Stunde später lag er unter
dem Messer – diesmal blieb keine Zeit für aufwendige Voruntersuchungen. Oder punktgenaue
Narkosen. Ich verfolgte das Ganze nur durch die fernmündlichen Berichte meines
Mannes. Da blutete mir wirklich das Mutterherz.
Auch Felix
hielt uns im letzten Jahr auf Trab. Seine Intelligenz ist und bleibt
eine besondere Herausforderung für uns. In jeglicher Hinsicht. Seine leise
anklingende Pubertät macht es nicht einfacher. Vielmehr verwandelt sein Zimmer sich in einen undurchdringlichen Sumpf. Und was das Chillen betrifft, versucht er seinen großen Bruder noch zu toppen. Wie es mit dem Instrument im nächsten Jahr weitergeht, bleibt
abzuwarten.
Aber jetzt
freue ich mich erst mal auf ein paar Weihnachtstage. In der Hoffnung, dass
diese ruhig und friedlich verlaufen. Und freue mich, dass wir am 1. Weihnachtstag
die große Runde um unsere lange Tafel versammeln. Ich, allein unter sechs Jungs.
Naja, fast. Glücklicherweise bringt der Große seine Freundin mit…
Mittwoch, 12. Dezember 2012
Besinnliche Weihnachtszeit
Von wegen besinnliche Vorweihnachtszeit, mit Stunden voller Kerzenschein und duftenden Keksen. Weihnachten – und vor allem die Adventszeit
– sollten eine ruhige Zeit der inneren Einkehr sein. Ein Widerspruch in sich,
wenn man in einer großen Familie lebt. Und das liegt nicht nur an Küchen, die
nach erfolgtem Plätzchenbacken einem Schlachtfeld gleichen.
Eigentlich
ist es bei uns so Brauch, dass die Kinder ihren Wunschzettel vor dem 1. Advent
schreiben. Damit die Weihnachtswichtel ihn holen können, sodass das Christkind
genügend Zeit hat, in der Himmelswerkstatt die gewünschten Geschenke
anzufertigen. Okay, so war es zumindest, als die Kinder noch ans Christkind
glaubten. Und keine Ahnung von Amazon, Jako-O & Co. hatten. Doch der
Zeitpunkt ist geblieben. Denn das Besorgen der Geschenke ist nicht weniger
kompliziert oder schneller geworden, nur weil das Weihnachtsfest ein Stückweit
entzaubert wurde.
Von Felix
hatte ich den ersten Wunschzettel bereits Mitte Oktober bekommen. Inzwischen
liegt mir die vierte Variante vor. Es handelt sich aber leider nicht nur um
Ergänzungen, sondern vielmehr um komplette Neufassungen. Neben Lego im Wert von
geschätzt 750 Euro befinden sich darauf auch sage und schreibe 13 (!) Bücher. Okay,
ist ein Wunschzettel und kein Bestellschein. Die Strümpfe, die noch auf dem
ersten Wunschzettel standen, sind inzwischen übrigens ersatzlos gestrichen
worden. Von Felix, nicht von mir.
Johann
wiederum blättert begeistert jede Werbung und jeden Katalog durch, den er in
die Finger bekommt. Strahlend zeigt er auf die Bilder und stellt fest:“Johanns“.
Von der Dampfmaschine über ein Barbie-Pferd bis hin zu ganzen Baggersortimenten
war bereits alles dabei.
Paul hingegen
hat noch nicht mal ein Wunschzettelchen abgegeben. Vielleicht weil die begehrten
Besitztümer außer Reichweite liegen. Auf die Frage, was er gerne hätte, kam die
knappe Antwort: „Ein iPad.“ Abgelehnt. „Dann eben ein MacBook.“ Ich stöhne
innerlich auf. Aber wünschen kann man sich bekanntlich ja alles.
Nun sind es
noch exakt zwölf Tage bis Weihnachten. Wovon ich fünf Tage in einer anderen
Stadt arbeite, also nicht mal im Traum ans Geschenke besorgen denken kann. Zwei
weitere Tage fallen auf einen Sonntag. Und der 21.12. ist für
Weihnachtsbaumkauf und Lebensmittel reserviert. Da wird mir wohl nichts anderes
übrig bleiben, als mich mit gefühlt einer Million anderer Menschen am Samstag
in der Stadt ins Einkaufsgetümmel zu stürzen. In der Hoffnung, die eine oder
andere geniale Erkenntnis zu bekommen, um an Heiligabend Kinderaugen zum
Leuchten zu bringen. Denn dafür lohnt sich der ganze Weihnachtsstress. Jedes
Jahr wieder.
Freitag, 7. Dezember 2012
Pubertant vs. Trotzkind
Was ist
herausfordernder? Ein 14-Jähriger Pubertant oder ein Dreijähriger mitten in der
Trotzphase? Wir haben das große Los gezogen, beides zeitgleich zu haben. Wobei
wir noch von Glück reden können, dass die Pegelausschläge sich bisher in Maßen
hielten.
Was vielleicht auch ein wenig unserer Erfahrung und der daraus
resultierenden relativen Gelassenheit geschuldet ist. Schließlich ist es
bereits für jeden von uns das dritte Mal, dass wir ein Kind in der Trotzphase „genießen“.
Mein Mann hatte sogar das zweifelhafte Vergnügen, vor 15 Jahren diese Zeit im
Doppelpack durchzustehen. Und ebendiese Zwillinge haben uns auch schon
sämtliche Höhen und Tiefen der Pubertät gezeigt.
Und trotzdem werden meine Nerven arg strapaziert, wenn
Johann sich mal wieder mit aller Macht auf den Boden wirft, weil er partout
nicht an der Hand gehen will – obwohl in drei Meter Entfernung die Autos
vorbeirauschen. Oder ich ihm die Schuhe nicht anziehen darf: „Papi macht das!“.
Haha, Papi ist nicht da. Und die Tagesmutter wartet. Ganz zu schweigen von
meinem Termin. Innerlich koche ich, äußerlich versuche ich ruhig zu bleiben.
Was mir nicht sehr überzeugend gelingt. „Du kommst jetzt“, zische ich durch
meine zusammengebissenen Zähne. „Nein, spielen!“ lautet die Antwort. Und weg
ist er. Ich rappel mich hoch, den Schuh noch in der Hand und hole Johann von
den Legosteinen weg. In dem Moment ist mir klar, warum es auch Bockphase
genannt wird: Er wehrt sich wie ein kleiner Ziegenbock, den man an den Hörnern
packt. Heult, weigert sich, sich hinzusetzen – dabei will ich ihm nur die
Schuhe anziehen!
Fünf Minuten später stehen wir vor der Haustür. Ich schweißgebadet und
genervt, Johann fröhlich und tatendurstig, als wäre nichts gewesen.
Meist aber kann ich mir diese Szenen tatsächlich relativ
entspannt ansehen. Weil ich weiß, dass es sich um eine Durchgangsphase handelt.
Und ihr Ende in greifbarer Nähe ist.
Die zweite große
Durchgangsphase – die Pubertät – ist da manchmal schon schwieriger auszuhalten.
Warum eigentlich? Vielleicht weil man sich selber noch erinnert, wie die
Gefühle mit einem in diesem Alter Achterbahn gefahren sind. Man in einem Moment himmelhochjauchzend war, im nächsten zu Tode betrübt. Und dann diese pampigen Antworten... Mir fällt es schwer, in solchen Situationen nicht die Erziehungskeule herauszuholen. Dabei weiß ich nur zu gut, wie ich selber war – bloß um meine Mutter zu provozieren. Was ja auch meist gelang. Außerdem will das Trotzkind nicht – im Gegensatz
zum Pubertanten – abends alleine mit seiner Freundin ins Kino. Oder auf
den Weihnachtsmarkt. Da wird die abgeklärte Mutter plötzlich zur kämpfenden Löwin,
die der Meinung ist, ihren Sohn vor den Unbilden des Lebens schützen zu müssen.
Und stellt fest, dass das Loslassen doch nicht so einfach ist.
Ich weiß, dass mein „Nein“ manchmal vorschnell ist. Aber ich
weiß auch, dass beileibe nicht alle anderen Kinder alles dürfen. Das hat meine
Mutter mir früher schon nicht geglaubt. Da muss sich der Pubertant schon bessere
Argumente einfallen lassen. Aber für Paul ist es schwer vorstellbar, dass ich
auch mal jung war. Und diese Situationen aus eigener Erfahrung kenne. Was so
einem 14-Jährigen manchmal entfällt: Auch wir Eltern benutzen Telefone, um uns
mit anderen Eltern zu unterhalten.
Doch auch wenn die Phasen vergleichbar sind und wir alle durch
den (manchmal schmerzhaften) Prozess der Abnabelung müssen: Einen Dreijährigen,
der sich in der Fußgängerzone heulend auf den Boden wirft, weil er den Lolli
nicht bekommt, kann ich besser ertragen als einen 14-Jährigen, der sich
kreischend quer in die Tür schmeißt, weil er nicht bei seiner Freundin
übernachten darf.
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